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  • Markus Baier

Was Sie über unseren Stadtwald wissen sollten

Aktualisiert: März 27

Bürgermeister Lemgos zu sein ist bekanntlich der schönste Beruf der Welt. Ich hatte das Glück vorher im zweitschönsten Beruf tätig gewesen zu sein als Baudezernent. Schon bei meinem vorherigen Arbeitgeber war ich für einen Stadtwald mit verantwortlich. Man lernt dabei - auch als Verwaltungshengst - viel über die Natur mit Flora und Fauna, die Forstwirtschaft und unser Klima von den Förstern. Dazu sind das meist noch sehr angenehme Zeitgenossen. Was meine frühere Tätigkeit mit dem Lemgoer Stadtwald eint, ist, dass hier wie dort nachhaltig gewirtschaftet wird. Dem Wald wird nicht mehr entnommen, als nachwächst und es ist ein dauerhafter Wald-Erhalt für zukünftige Generationen vorgesehen. Es handelt sich bei den Wäldern nicht um Holzplantagen. In Zeiten des in Deutschland bereits spürbaren Klimawandels werden an die Waldbewirtschaftung zusätzliche Herausforderungen gestellt. Das Waldsterben, durch Trockenheit ausgelöst und durch den Borkenkäfer vollzogen, ist auch bei uns ein deutliches Zeichen der Notwendigkeit eines nachhaltigen Waldbaukonzeptes. "Stadtwald 21" nennt das unser Förster, und ich möchte Ihnen daraus einige Aspekte vorstellen. Wälder erfüllen - im besten Fall - ganz vielfältige Funktionen! Es geht nicht nur um einen Wirtschaftszweig mit Holz. Sie schützen den Boden, unser Klima und unser Grundwasser. Beim Waldbau wird darauf geachtet, dass am Boden stabile Waldgesellschaften erhalten bleiben, das ist gut für die Artenvielfalt. Dazu gehört auch, ausreichend Restholz auf dem Boden zu lassen. Unter dem Stadtwald bildet sich auch ein sehr großer Teil unseres Grundwassers, welches zur Trinkwassergewinnung genutzt wird. In Abstimmung mit den Stadtwerken werden auch Maßnahmen wie z.B. eine Bekalkung durchgeführt, um beispielsweise versauerten Flächen entgegen zu wirken. Der Wald ist eine große Biomasse vor den Toren unserer Stadt. Als solche wirkt er als Temperatursenker, sorgt also für angenehme, kühlere Luft und gutes Stadtklima. Ganz wichtig ist vielen Bürger*innen die Naherholungsfunktion des Waldes. Im Wald kann und darf man Spazieren gehen, Wandern, Hunde ausführen, Natur beobachten, Joggen, auf befestigten Wegen Fahrrad fahren, Reiten und vieles mehr! Gesund bewegen im Wald liegt voll im Trend und tut der Seele gut. Dafür hält der Wald auch eine Infrastruktur aus Wegen, Hütten, Bänken und Beschilderungen vor. Besondere landschaftspflegerische Maßnahmen, die auch mal auf Waldästhetik und ökologische Vielfalt achten, machen prägnante Punkte im Wald besonders attraktiv. Wie muss der Waldbau gestaltet werden, wenn er diese Funktionen erfüllen soll? Dafür hat das Konzept "Stadtwald 21" vielfältige Antworten bereit: Es kommt auf eine standortgerechte Baumartenauswahl an. Dass die Fichtenmonokulturen keine Zukunft haben können, hat man in Lemgo schon lange erkannt. Welche Kultur passt aber zum Waldboden? Dabei muss man wissen, dass dieser im Stadtwald sehr divers ist - je nach Lage, Himmelsrichtung oder Geologie muss hier differenziert werden, dafür gibt es eine Kartierung. Dabei gilt: Alles Monotone ist verkehrt, nur das Vorhandene betrachten zu wenig und großflächig Neues einführen ist zu viel! Daher heißt Ziel "standortgerechte Laubmischwaldvermehrung". Das kann mit einer Pflanzung von Wildlingen (z.B. Buche und Bergahorn) oder Saaten (z.B. Eichelstock, Bucheckernsaat). Daraus entstehen Vorwälder, die gute Funktionen für die Umwelt geben und aus denen dann in den nächsten Jahren stabile Mischwälder entwickelt werden. Eine Wiederbewaldung durch Setzlinge, die am Markt gar nicht für alle abgestorbenen Bestände Deutschlands vorhanden wären, kommt nur teilweise in Betracht. Die beste Art der Walderneuerung ist die Naturverjüngung. Vorhandene Buchen und Eichen, deren Familien seit 2000 Jahren hier heimisch sind, geben das Material, um die abgestorbenen Wälder wieder zu beleben. Zum Teil ist es sinnvoll, abgestorbene Stämme stehen zu lassen - unter diesem kühlenden Schutzschirm erneuert sich der Wald. Aufpassen müssen die Förster, dass die Fichte nicht wieder zu dominant wird. Daher werden die Laubhölzer geschützt und gefördert. Zum Konzept gehört auch, auf Kahlschläge zu verzichten. Damit entfallen an den Rändern Angriffspunkte für Sturm, Käfer, Dürre und Sonnenbrand. Es geht sogar weiter - durch bevorzugte Einzelstammnutzung und mäßige Hiebe wird eine Vorratsnutzung praktiziert, die eine flächige Nutzung nicht zulässt. Es bleiben also immer stabile Wälder stehen, auch wenn Bäume entnommen werden. Zur Waldbewirtschaftung gehört auch die Hege des Wildbestandes. Wald und Wild sind eine Einheit, die im Balance gehalten werden muss. Ohne angepasste Wildbestände sind die Waldbauziele nicht zu erreichen - gerade die jungen Triebe von Laubhölzern müssen vor dem Wild auch geschützt werden. Dazu gehört die Bejagung. Gerade jetzt, wo junge Wälder auf den abgestorbenen Flächen Schutz bieten, muss ein Augenmerk auf einen angepassten Bestand gelegt werden. Die Rehe würden den Wald im schlimmsten Fall zur Fichtenmonokultur zurück beißen. Ein weiterer Aspekt ist eine umweltverträgliche Forsttechnik. Hier gibt es einige Beispiele, was man bewusst tun kann: - für die Holzernte geeignete Zeiträume finden (nicht in Nässeperioden oder Brutzeiten z.B.) - kein flächiges Befahren mit Arbeitsmaschinen - Einsatz umweltfreundlicher Treib- und Schmierstoffe - keine flächige Mineraldüngung (außer Bekalkung) - keine chemischen Mittel, sondern biologische oder mechanische Verfahren - ... Die Waldbewirtschaftung, wie sie in Lemgo praktiziert wird, hat also eine große Nähe zum Naturschutz. Für besondere Naturschutzbereiche, z.B. Waldrändern mit hoher Artenvielfalt, braucht man aber noch mehr Sorgfalt. Hier werden besondere Schutz- und Entwicklungsprojekte durchgeführt. Diese dienen zur Biotopvernetzung im Wald. Bachtäler, Feuchtbiotope, Altholzinseln, punktuelle Mikrobiotope aus Altholz und auch spezieller Artenschutz wie von Orchideenvorkommen, Nistplätzen oder Naturwaldzellen (ein kleiner Urwald im Wald) sind Formen dieses Naturschutzes im Wald. Das war ganz schön viel, was unser Förster alles vorhat und beachten muss, oder? Ich bin Herrn von Leffern dankbar, dass er mir sein Konzept mit viel Geduld erklärt hat und ich hoffe, dass ich es Ihnen einigermaßen verständlich weiter geben konnte. Im Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz wird regelmäßig über unseren Stadtwald berichtet. Vielleicht habe ich ja Ihr Interesse geweckt und Sie haben Lust, sich das mal als Zuseher*in anzusehen. Oder Sie genießen einfach die Natur und die Ruhe im Wald - beim nächsten Rundgang haben Sie dann den ein oder anderen waldbaulichen Aspekt im Kopf, da Sie es beim Lesen bis hierher durchgehalten haben. Wir sehen uns im Stadtwald Lemgo!


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